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Die Industriestraße in Netphen verbirgt ein kreatives Geheimnis

Auf einer Etage eines ehemaligen Firmengebäudes in der unteren Industriestraße mit der Hausnummer 57 hat sich in den letzten drei Jahren geradezu märchenhaftes abgespielt.

Alles fing damit an, dass Richarda Diehl, die bereits früh in ihrem Leben die Leidenschaft für Kunst entdeckte und das auch in ihrem Studium und ihrer Berufswahl abbildet, in der Corona-Pandemie eine Möglichkeit gesucht hat, zur Ruhe zu kommen und einen Ausgleich im Alltag zu finden – natürlich sollte es etwas Kreatives sein! Sie sah online eine Anzeige, dass Büroräume in Netphen leer stehen und mietete kurzerhand einen Raum an. Hier begann Richarda Diehl mit Ton zu arbeiten, denn dieses besondere Material faszinierte sie schon immer.

An ihrer Tür steht in geschwungenen Buchstaben:

Artinton

Mit einer kleinen Drehscheibe, einem eigenen Brennofen und vielen ergänzenden Materialien gestaltet sie seitdem hauptsächlich Figuren, aber auch viele Schalen und Formen.

Nebenan mietete sie nach kurzer Zeit einen weiteren Raum, in dem Richarda Diehl seit letztem Jahr Workshops im Töpfern gibt. Die Workshops richten sich zum einen an alle, die dieses außergewöhnliche Kunsthandwerk ausprobieren möchten, aber auch in einem speziellen Workshop „Ton spüren und formen“ an Menschen mit Demenz, die gemeinsam mit ihren Angehörigen oder anderen Bezugspersonen kreativ sein möchten.

„Im Vordergrund steht nicht das Gestalten eines perfekten Objektes, sondern der Spaß am gemeinsamen Formen und das kreative Tun. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, dass am Ende etwas entsteht, allein der Geruch und das Gefühl, mit Ton, Farben, Engoben und Glasuren zu arbeiten, tut gut“, so die Künstlerin.

Nach ein paar Monaten, in denen Richarda Diehl bereits in ihrem neuen Kreativraum aktiv war, passierte etwas Magisches. Zwei weitere Künstlerinnen interessierten sich für die leerstehenden Büroräume:

Gisela Bierbrauer, ebenfalls Kunststudierte, fand in diesem Gebäude in der Industriestraße, gleich gegenüber von artinton, Raum für ihr Atelier, den

KreativSpielRaum

Nach dem schmerzlichen Verlust ihres Mannes und dem Umzug in eine kleinere Wohnung, suchte Gisela Bierbrauer nach einem „KreativSpielRaum“. In Netphen fand sie ihr Atelier und lebt dort seitdem ihre Leidenschaft für die Acrylmalerei aus. Sie fertigt realistische Zeichnungen, teils inspiriert von eigenen Urlaubsreisen an, aber auch das Zusammenspiel aus Materialen, die zusammenfließen, fasziniert sie. Das wird beispielsweise in ihren Filzbildern sichtbar. Ihre Werke entstehen teils also nach einer genauen Vorstellung, andere Bilder wachsen während des Schaffensprozesses.

Manchmal übermalt Gisela Bierbrauer ihre Bilder auch wieder, sodass Neues zum Vorschein kommen kann. Das Atelier verbirgt jede Menge Geschichten und Kunst, die für jeden Betrachter Raum für eigene Interpretation lässt. Ganz nach dem Motto: “Wenn ich es in Worten sagen könnte, gäbe es keinen Grund zu malen.”

Sabrina Serban, die als Zahnarzthelferin und junge Mutter ebenfalls einen kreativen Rückzugsort im Alltagsleben gesucht hat, mietete schließlich den letzten freien Raum. Hier fing sie an, ihrer Leidenschaft nachzugehen – dem Nähen. Sie fing an, Taschen und Kleidung für sich selbst und Freunde anzufertigen und kleine Kunstwerke zu sticken, bis eines Tages eine besondere Anfrage an sie herantrat: das Junge Theater in Siegen brauchte Jemanden, der die Kostüme für ihr neues Theaterstück designen kann. Ihr Sohn Adrian Serban spielt bereits seit vielen Jahren im Jungen Theater mit und schlug seine Mutter Sabrina vor. Sie sagte zu und entdeckte ihr Talent, auch außergewöhnliche Bühnenkostüme zu kreieren. Beachtlich ist, dass Sabrina Serban nicht bloß mit den neuesten Maschinen arbeitet, sondern regelrechte Sammlerstücke aufbereitet und Wert auf die ursprüngliche, authentische Handarbeit legt. Unter dem Namen

my stitchtale

nimmt Sabrina Serban Interessierte auf ihrer Instagram-Seite in dem künstlerischen Prozess mit, denn nach einem überaus erfolgreichen Auftakt des Theaterstücks „Haus der Scham“ am 06. Mai, wird Sabrina Serban auch für das in Planung stehende Theaterstück der nächsten Spielzeit das Kostümdesign übernehmen.

Die drei Künstlerinnen kannten sich bis dahin nicht und hätten nie damit gerechnet, dass diese vor wenigen Jahren noch leerstehende Etage in der Unteren Industriestraße ein richtiges Kreativzentrum in Netphen werden würde. Die drei sind eine richtige Familie geworden. In dem Kreativzentrum haben sich alle eigene Rückzugsorte geschaffen und dennoch die Möglichkeit offengehalten, sich gemeinsam auszutauschen und sich gegenseitig zu inspirieren. So hat beispielsweise auch Richarda Diehl bereits eine Skulptur von der schneidernden Sabrina Serban angefertigt, die in ihrem Raum steht. Giesela Bierbrauer wird von den anderen beiden als Mutter Beimer bezeichnet, denn sie kümmert sich liebevoll um alle.